US-Wahlen 2020

US-Wahl: Was bedeutet Joe Bidens Sieg für den deutschen Mittelstand?

Auch wenn es im Weißen Haus noch nicht bei jedem angekommen ist, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) bringt es auf den Punkt: „Es isch, wie es isch, und jetzt isch over.“ Amerika hat gewählt und Joe Biden wird am 20. Januar 2021 zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt.

Bereits im Vorfeld zu einer richtungsweisenden Wahl erklärt, werden sich vom Regierungswechsel entscheidende Veränderungen in Politik und Stil versprochen. Was kann die deutsche Wirtschaft, speziell der Mittelstand, von einem Präsident Biden und seiner Wirtschaftspolitik erwarten? Lesen Sie hier eine Einordnung!

Die letzten vier Jahre: Turbulent und enttäuschend

Die Präsidentschaft Donald Trumps war alles andere als eine einfache Zeit für die Handelsbeziehungen der deutschen Wirtschaft mit den USA. Auch der Mittelstand hat und hatte unter der Politik und der Irrationalität des Noch-Präsidenten zu leiden. Folgerichtig fällt auch das Fazit des geschäftsführenden Vorstands des Deutschen Mittelstands-Bundes, Marc S. Tenbieg, über Donald Trump aus: „Extrem ernüchternd.“ Trump habe viel Vertrauen verspielt und auch wenn die deutschen Exporte in die USA bis zuletzt weiter stiegen, wären die Zahlen ohne Protektionismus à la „America First“ sicher besser gewesen.

Joe Biden zieht ins Weiße Haus: „Buy American“ statt „America First“

Auch nach dem 20. Januar ist nicht zu erwarten, dass sich der amerikanische Protektionismus in Wohlgefallen auflöst und von einer neuen Ära des Freihandels abgelöst wird. Zum einen ist Joe Biden nicht als Verfechter des Freihandels bekannt, zum anderen zeigte sich bereits im Wahlkampf, dass sich die Demokraten durchaus einiges bei den Republikanern abgeschaut haben. So heißt es nun „Buy American“ statt „America First“.

Darum ist auch nicht zu erwarten, dass die erhobenen Strafzölle für europäische Unternehmen nach Amtsantritt abgeschafft werden. Vielmehr sieht das demokratische Wahlprogramm vor, dass der Staat Investitionen in den USA belohnt und für mehrere hundert Milliarden Dollar heimische Produkte und Dienstleistungen aufkauft. Inwiefern sich „Buy American“ aber konkret manifestiert, bleibt abzuwarten. Für einen grundlegenden Wandel der Wirtschafts- und Handelspolitik spricht dies jedenfalls nicht!

Trotz „Buy American“: Hoffnung für die deutsche Wirtschaft und den Mittelstand

Auch wenn es allem Anschein nach keine fundamentale Kehrtwende in der Handelspolitik geben wird, so bietet die Präsidentschaft Joe Bidens dennoch neue Chancen für den deutschen Mittelstand und berechtigte Hoffnung auf ein Ende der bisherigen Eskalations- und Konfrontationspolitik.

Internationale Zusammenarbeit und Verlässlichkeit statt Konfrontation und Unberechenbarkeit

Im Unterschied zu Donald Trump wird von Joe Biden erwartet, dass er kein Interesse daran hat, Handelskriege vom Zaun zu brechen und bestehende Konflikte weiter zu eskalieren. Vielmehr kann man beim gewählten Präsident davon ausgehen, dass Unstimmigkeiten kooperativ und in transnationaler Abstimmung aus der Welt geschaffen werden sollen. Von einem solchen Klima, in dem nicht jeden Moment per Twitter die nächste handelspolitische Hiobsbotschaft in die Welt gesendet werden könnte, wird auch die deutsche Wirtschaft profitieren können. Schließlich sorgt Rationalität, Deeskalation und Verlässlichkeit für (Investitions-)Sicherheit.

Nicht nur der Ton ändert sich: Auch Investitionen machen die Musik

In welchem Umfang das Programm der Demokraten umgesetzt werden kann, wird davon abhängig sein, wer bei den Nachwahlen im Januar die Mehrheit im Senat gewinnt.

Grundsätzlich aber steht der neugewählte Präsident für Investitionen und möchte der Konjunktur durch eine Modernisierungsoffensive und eine Erhöhung der Staatsausgaben einen kräftigen Schub verleihen. Insbesondere die anfällige US-Infrastruktur soll mittels Investitionen in Billionen-Höhe auf Vordermann gebracht werden. Hiervon kann die deutsche Wirtschaft, auch der Mittelstand, enorm profitieren. Sowohl durch direkte Aufträge dank des technischen Knowhows deutscher Unternehmen als auch durch ein Anziehen der Weltwirtschaft im Allgemeinen.

Eine Chance für den deutschen Mittelstand: Investitionen in den Klimaschutz

Investitionen in die amerikanische Infrastruktur bedeuten nicht nur Projekte für den Straßen- und Brückenbau. Auch die grüne Infrastruktur soll massiv gefördert und ausgebaut werden. Für das Jahr 2050 strebt die zukünftige Regierung die CO2-Neutralität der USA an. Demzufolge gibt es viel zu tun, gerade mit Hinblick auf die Versäumnisse der letzten 4 Jahre, die nun aufzuholen sind. Investiert werden soll zum Beispiel in klimafreundliche Technologien, erneuerbare Energien, nachhaltige Häuser und Wohnungen sowie einen emissionsfreien ÖPNV.

Dieser Paradigmenwechsel bietet dem deutschen Mittelstand eine große Chance. Während die US-Politik der letzten Jahre vielen heimischen Unternehmen keinen Anreiz für die Entwicklung und Erforschung klimafreundlicher Technologien geboten hatte, besitzt das Thema in Deutschland einen viel höheren Stellenwert. Die Folge: Deutsche Unternehmen sind in vielen Branchen den US-Firmen voraus, wenn es um klimafreundliche Innovationen geht. Dieser Vorteil kann nun zum eigenen Erfolg genutzt werden!

Was bietet dem deutschen Mittelstand noch Anlass für Zuversicht?

Stichpunkt Corona: Im Gegensatz zum Noch-Präsidenten scheint Joe Biden gewillt zu sein, die Corona-Pandemie aktiv einzudämmen und dabei auf wissenschaftlichen Rat zurückzugreifen. Das erhöht die Chancen einer Eindämmung des Virus und einer Kontrolle der Pandemie deutlich. Dies in Kombination mit den Beteuerungen Bidens keinen Shutdown der Wirtschaft anzustreben, eröffnet einer schnelleren und nachhaltigeren wirtschaftlichen Erholung neue Perspektiven, von der im Endeffekt die gesamte Weltwirtschaft profitieren würde.

Stichpunkt Iran: Nachdem unter Barack Obama das Atomabkommen mit dem persischen Staat in Kraft getreten war, herrschte Zuversicht im deutschen Mittelstand. Nach Aufhebung der Sanktionen eröffneten sich immense Export- und Investitionspotenziale im 80-Millionen-Einwohner-Land. Doch die Zuversicht war nicht von langer Dauer als Donald Trump das Abkommen aufkündigte, neue Sanktionen verhängte und so auch den gerade angelaufenen Iran-Geschäften der deutschen Wirtschaft einen schweren Schlag versetzte. Joe Biden hingegen gilt als Befürworter einer Rückkehr zum Atomabkommen, sodass zumindest die Chance besteht, dass sich die Aussichten für deutsche Mittelständler im Iran wieder verbessern könnten.

Fazit: Es wird nicht alles anders, aber vieles besser!

Auch wenn der Trend zum Protektionismus in den USA auch unter Joe Biden anhalten dürfte, gibt es dennoch Anlass für Zuversicht, dass der deutsche Mittelstand von der Wahl des Demokraten profitieren kann. Neben einem von internationaler Kooperation und zurückkehrender Verlässlichkeit geprägten Klima setzt der gewählte Präsident auf umfangreiche Investitionen, von denen auch die deutsche Wirtschaft profitieren wird. Fraglich, zumindest bis kommenden Januar, bleibt jedoch, inwieweit Joe Biden sein Programm umsetzen kann. Dann entscheiden die Nachwahlen zum US-Senat in Georgia, ob die neue Regierung ihre Agenda umsetzen kann oder auf Kompromisse mit den Republikanern angewiesen ist.