Zeit verinnt - noch keine Regierung

152 Tage ohne Kurs

Man mag es kaum glauben: Mehr als 150 Tage sind seit der Bundestagswahl vergangen und eine der größen Volkswirtschaften der Welt hat weiterhin keine neue Regierung. Auch wenn diese notwendigen Findungsprozesse in einer lebendigen Demokratie nunmal unabdingbar sind, wäre eine vergleichbare Situation im mittelständischen Betrieb undenkbar – zumal gerade der Mittelstand auf wichtige Weichenstellungen wartet.

Walbaby nach der Wahl

Fast ein halbes Jahr mit angezogener Entscheidungshandbremse wären für ein mittelständisches Unternehmen natürlich der Anfang vom Ende – so viel ist sicher. Man muss sich nur einmal vor Augen halten, was alles in einer solchen Zeit möglich  gewesen wäre. Während sich die Welt in 150 Tagen fast schon ein halbes Mal um die Sonne bewegt, bringt zum Beispiel das größte Säugetier der Welt, der Blauwal, bereits ein 2 bis 2,5 Tonnen schweres Walbaby zur Welt. Das hat nicht nur die Größe eines Kleintransporters – es wiegt auch so viel. Die Ironie dabei: Gerade das Thema Kleintransporter interessiert viele Handwerker im Zuge der drohenden Dieselfahrverbote immens. Hier erhoffen sich viele Unternehmer rasche Antworten von einer neuen Bundesregierung. Schnell können die boomenden Wirtschaftszahlen des aktuellen Trends durch Stagnation auf der politischen Entscheidungsebene ins Gegenteil umschlagen.

Viele Meilen ohne Ziel

Eindrucksvoll sind die 150 Tage auch, wenn man das Bild der Kurslosigkeit tatsächlich wörtlich nimmt: Bei besten Windbedingungen – und die haben wir ja laut aktuellen ifo-Zahlen – kann man mit 5 Knoten in dieser Zeit ganze 18.000 Meilen (33.000 km) zurücklegen. Damit hätte man es selbst per Segelschiff zu vier Passagen zwischen Hamburg und Washington geschafft, um möglicherweise die transatlantischen Handelsbeziehungen anzukurbeln. Gerade der jüngste Vorschlag von US-Handelsminister Wilbur Ross, hohe Zölle auf Importe von Stahl und Aluminium zu erheben oder scharfe Importquoten einzuführen, hat Handelspartner weltweit irritiert.

Die Länge macht´s

Auch das während der Sondierung oft gescholtene Thema Digitalisierung birgt seine Tücken. Während man noch darüber verhandelt und debattiert, ob und wie sich Breitbandverbindungen flächendeckend umsetzen lassen, hätte ein einzelner Bautrupp in 150 Tagen schon satte 7500 Meter Glasfaser verlegen können. Das ist dann doch imposanter als die 37 Meter, die der Koalitionsvertrag ausgedruckt und nebeneinandergelegt ergibt. Allerdings ist ein durchschnittlicher Bautrupp in seiner Meinungs- und Richtungsfindung auch deutlich besser vorbereitet – deutsches Handwerk halt.